Die Tarantella gehört zu den bekanntesten traditionellen Tänzen Italiens. Mit ihrem schnellen Rhythmus, den lebhaften Drehungen und der charakteristischen Begleitung durch Tamburin, Gitarre oder andere traditionelle Instrumente wird sie heute weltweit mit der italienischen Kultur verbunden. Ihre Geschichte ist jedoch wesentlich komplexer, als es die folkloristische Darstellung auf den ersten Blick vermuten lässt.
Die Tarantella ist kein einzelner, überall identischer Tanz. Vielmehr bezeichnet der Begriff eine ganze Gruppe süditalienischer Tänze, die sich regional teilweise deutlich unterscheiden. Besonders eng verbunden ist die Tradition mit Kampanien, Apulien, Kalabrien, Sizilien und weiteren Regionen Süditaliens. Die italienische Enzyklopädie Treccani beschreibt die Tarantella als schnellen süditalienischen Volkstanz, der traditionell häufig im 3/8- oder 6/8-Takt gespielt wird. (Treccani)
Woher kommt die Tarantella?
Die genaue Herkunft der Tarantella lässt sich nicht auf einen einzigen Zeitpunkt oder einen bestimmten Ort reduzieren. Der Name wird häufig mit der süditalienischen Stadt Taranto in Apulien und mit der dort verbreiteten Spinne Tarantel in Verbindung gebracht.
Nach einer traditionellen Vorstellung konnte der Biss einer Tarantel eine besondere Krankheit beziehungsweise einen Zustand auslösen, der als Tarantismus bezeichnet wurde. Die betroffene Person sollte durch intensives Tanzen und musikalische Begleitung von diesem Zustand befreit werden.
Allerdings handelt es sich dabei um eine historische Volksvorstellung und nicht um eine wissenschaftlich bestätigte medizinische Behandlung. Ein tatsächlicher Zusammenhang zwischen Spinnenbiss und der beschriebenen Tanzkrankheit konnte nicht nachgewiesen werden.
Tarantismus und die Geschichte des Tanzes
Der sogenannte Tarantismus spielte insbesondere in Süditalien eine wichtige Rolle. Historische Beschreibungen berichten von Menschen, die nach einem vermeintlichen Spinnenbiss in einen Zustand großer Erregung gerieten.
Musiker spielten unterschiedliche Melodien, bis eine Musik gefunden wurde, auf die die betroffene Person reagierte. Daraufhin begann häufig ein intensiver Tanz. Die Bewegungen konnten über längere Zeit andauern und wurden von schnellen Drehungen, Sprüngen und rhythmischem Stampfen begleitet.
Die italienische Enzyklopädie Treccani beschreibt den Tarantismus als eine choreografisch-musikalische Form der Katharsis, die in Süditalien bereits seit dem 14. Jahrhundert dokumentiert ist. Besonders im Salento hielt sich die Tradition in abgeschwächter Form bis ins 20. Jahrhundert. (Treccani)
Die erste historische Dokumentation
Eine wichtige historische Quelle ist der deutsche Jesuit und Gelehrte Athanasius Kircher, der im 17. Jahrhundert verschiedene musikalische und kulturelle Erscheinungen beschrieb. In seinem Werk über die „magnetische Kunst“ beschäftigte er sich auch mit Musik, die im Zusammenhang mit dem Tarantismus verwendet wurde.
Damit wurde die Tarantella beziehungsweise eine mit dem Tarantismus verbundene Tanzpraxis bereits im 17. Jahrhundert schriftlich dokumentiert. Die Geschichte des Tanzes reicht allerdings wahrscheinlich weiter zurück.
Die heutige Vorstellung einer einheitlichen Tarantella entstand erst nach und nach. In unterschiedlichen Regionen entwickelten sich eigene Varianten, Rhythmen und Bewegungsformen.
Tarantella im 18. Jahrhundert
Im 18. Jahrhundert veränderte sich die Bedeutung der Tarantella. Neben den mit dem Tarantismus verbundenen Ritualen wurde sie zunehmend als geselliger Tanz aufgeführt.
Die schnellen Bewegungen und der charakteristische Rhythmus machten sie auch für gesellschaftliche Veranstaltungen interessant. Besonders in Neapel entwickelte sich eine eigene Form der Tarantella, die später international große Bekanntheit erlangen sollte.
Die Tarantella wurde dabei zunehmend von ihrem ursprünglichen folkloristischen und rituellen Umfeld gelöst. Sie konnte nun beispielsweise bei Festen, gesellschaftlichen Veranstaltungen oder als Unterhaltungstanz aufgeführt werden.
Die berühmte Tarantella aus Neapel
Die Tarantella napoletana, also die neapolitanische Tarantella, gehört heute zu den bekanntesten Varianten.
Im 19. Jahrhundert wurde sie zunehmend zu einem stilisierten Gesellschaftstanz. Die höfische und bürgerliche Gesellschaft Neapels übernahm Elemente des Tanzes und veränderte dadurch seine Erscheinungsform.
Die Entwicklung führte dazu, dass die neapolitanische Tarantella schließlich als charakteristischer italienischer Tanz international bekannt wurde. Historische Darstellungen zeigen häufig Paare, die sich schnell bewegen, drehen und einander gegenübertanzen.
Wie wird die Tarantella getanzt?
Eine einheitliche Choreografie gibt es nicht. Die Bewegungen unterscheiden sich je nach Region und Tradition.
Typisch sind jedoch:
- schnelle Schritte
- kleine Sprünge
- Drehungen
- Wechsel zwischen den Tanzpartnern
- rhythmisches Stampfen
- Bewegungen der Arme und Hände
- ein ausgeprägtes Spiel zwischen den Tanzenden
- Begleitung durch Tamburin oder andere traditionelle Instrumente
Die Musik ist häufig sehr schnell und wird oft in einem 6/8-Takt gespielt. Treccani nennt insbesondere den 3/8- und 6/8-Takt als typische rhythmische Grundlagen der Tarantella. (Treccani)
Tarantella und Tamburin
Ein besonders charakteristisches Instrument der Tarantella ist das Tamburin. Sein rhythmischer Klang unterstützt die schnelle Bewegung der Tänzer.
Je nach Region kommen weitere Instrumente hinzu. Dazu gehören beispielsweise Gitarre, Akkordeon, Geige oder traditionelle regionale Instrumente.
Die Verbindung von Musik und Tanz ist dabei besonders eng. Der Rhythmus bestimmt nicht nur das Tempo, sondern gibt den Tänzern auch die Grundlage für ihre Schritte und Bewegungen.
Pizzica: Die Tarantella des Salento
Eine besonders bekannte verwandte Tanzform ist die Pizzica aus dem Salento in Apulien. Sie wird zur großen Familie der süditalienischen Tarantella-Tänze gerechnet.
Traditionelle Pizzica wurde unter anderem bei Festen und gesellschaftlichen Ereignissen getanzt. Eine besondere Form, die sogenannte Pizzica Tarantata, war mit dem Tarantismus verbunden.
Im Salento entwickelte sich dadurch eine eigenständige Tanz- und Musikkultur. Heute ist Pizzica weit über Apulien hinaus bekannt und wird bei Festivals, Konzerten und kulturellen Veranstaltungen getanzt.
Das Museo Faggiano in Lecce beschreibt Pizzica als Teil der großen Tarantella-Familie und weist zugleich darauf hin, dass zwischen der historischen traditionellen Pizzica und modernen Formen, die insbesondere seit den 1990er-Jahren populär wurden, unterschieden werden sollte. (Museo Faggiano)
Tarantella ist nicht gleich Tarantella
Ein wichtiger Punkt bei der Geschichte der Tarantella ist die regionale Vielfalt. Unter dem Begriff werden verschiedene Tanztraditionen zusammengefasst.
Bekannte Formen und verwandte Tänze sind unter anderem:
- Tarantella napoletana
- Pizzica aus Apulien
- Tarantella calabrese
- Tarantella montemaranese
- Tarantella lucana
- Tarantella siciliana
- Tarantella del Gargano
- Tammurriata aus Kampanien
Diese Tänze besitzen jeweils eigene musikalische und choreografische Besonderheiten. Deshalb sollte man die Tarantella eher als eine Familie verschiedener süditalienischer Tanztraditionen verstehen.
Die Tarantella und die klassische Musik
Im 19. Jahrhundert wurde die Tarantella auch für Komponisten der Kunstmusik interessant. Der schnelle Rhythmus eignete sich besonders gut für virtuose Musikstücke.
Komponisten wie Frédéric Chopin, Franz Liszt, Gioachino Rossini und Felix Mendelssohn griffen Tarantella-Elemente auf oder komponierten Werke im Stil des Tanzes. Dadurch gelangte der ursprünglich süditalienische Volkstanz in Konzertsäle und wurde auch außerhalb Italiens bekannt.
Treccani verweist auf zahlreiche Komponisten, die Tarantella-Motive in ihren Werken verwendeten. (Treccani)
Tarantella im 20. Jahrhundert
Im 20. Jahrhundert wurde die Tarantella zunehmend zu einem Symbol für Italien und süditalienische Lebensfreude. In Filmen, auf Bühnen und bei folkloristischen Veranstaltungen wurde sie häufig in vereinfachter oder stilisierter Form präsentiert.
Gleichzeitig blieben die regionalen Traditionen bestehen. In Süditalien wurde und wird die Musik bei Dorffesten, religiösen Festen, Hochzeiten und anderen Veranstaltungen gespielt.
Damit existieren heute zwei unterschiedliche Perspektiven auf die Tarantella: Einerseits die international bekannte folkloristische Darstellung, andererseits die regionalen Traditionen, aus denen die verschiedenen Tänze tatsächlich hervorgegangen sind.
Tarantella bei Hochzeiten und Festen
In der heutigen Wahrnehmung wird die Tarantella häufig mit italienischen Hochzeiten verbunden. Besonders außerhalb Italiens gilt sie als typischer italienischer Gruppentanz.
Tatsächlich besitzen viele regionale Varianten eine lange Verbindung zu Festen und gesellschaftlichen Zusammenkünften. Der Tanz konnte bei Hochzeiten, Dorffesten, religiösen Feierlichkeiten und anderen gemeinschaftlichen Veranstaltungen stattfinden.
Die moderne Hochzeitstarantella ist allerdings häufig eine vereinfachte Bühnen- oder Unterhaltungsversion und nicht unbedingt identisch mit den historischen regionalen Tänzen Süditaliens.
Was hat die Tarantella mit der Tarantel zu tun?
Der Zusammenhang zwischen Tanz und Spinne gehört zu den bekanntesten Geschichten rund um die Tarantella.
Historisch glaubten Menschen in Teilen Süditaliens, dass der Biss einer Tarantel den sogenannten Tarantismus auslösen könne. Durch intensives Tanzen sollte das Gift aus dem Körper getrieben werden.
Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht lässt sich diese Erklärung nicht bestätigen. Die historische Bedeutung liegt vielmehr darin, dass der Glaube an den Tarantismus eine kulturelle Praxis hervorbrachte, bei der Musik, Bewegung und Gemeinschaft eine zentrale Rolle spielten.
Auch die Herkunft des Namens ist nicht vollständig unumstritten. Treccani führt sowohl die Verbindung zu Taranto als auch zur Tarantel als mögliche Erklärung an. (Treccani)
Tarantella 2026: Tradition trifft Moderne
Auch 2026 ist die Tarantella ein lebendiger Bestandteil der italienischen Kultur. Besonders in Süditalien werden traditionelle Tanzformen weiterhin gepflegt und bei Festivals und regionalen Veranstaltungen präsentiert.
Ein gutes Beispiel ist die moderne Pizzica-Bewegung im Salento. Dort verbinden Musiker und Tänzer traditionelle Elemente mit zeitgenössischen Interpretationen.
Dabei geht es nicht darum, die Geschichte unverändert zu kopieren. Vielmehr wird versucht, traditionelle Musik und Tanzformen an die Gegenwart anzupassen, ohne ihre regionale Identität vollständig aufzugeben.
Fazit: Eine Tanzgeschichte zwischen Mythos und Tradition
Die Geschichte der Tarantella reicht mehrere Jahrhunderte zurück und ist eng mit den kulturellen Traditionen Süditaliens verbunden. Ihre Entwicklung wurde von regionalen Festen, Volksmusik, religiösen Ritualen und dem historischen Glauben an den Tarantismus geprägt.
Aus verschiedenen lokalen Tanzformen entstand im Laufe der Zeit das internationale Bild der Tarantella. Besonders die neapolitanische Variante wurde im 19. Jahrhundert zu einem Symbol italienischer Tanzkultur.
Gleichzeitig sollte man nicht vergessen, dass es die eine Tarantella nicht gibt. Pizzica, kalabrische Tarantella, neapolitanische Tarantella und andere regionale Varianten besitzen jeweils ihre eigene Geschichte.
2026 steht die Tarantella damit für eine Mischung aus Tradition, regionaler Identität und moderner kultureller Weiterentwicklung. Wer den Tanz heute betrachtet, sieht nicht nur schnelle Schritte und fröhliche Musik, sondern eine jahrhundertealte Geschichte, in der sich Volksglaube, Musik, Gemeinschaft und Tanz miteinander verbunden haben.